Give them tools, their mind will follow! oder Warum ich bei OER an den Remix glaube

Mein Kollege Andreas Wittke hat einen sehr guten und daher zurecht gelobten Blogartikel zur OER-Strategie der Fachhochschule Lübeck geschrieben. Den kann man sich ruhig mal durchlesen (wenigstens bis zur Zusammenfassung), widersprechen muss ich ihm aber bei folgender Aussage:

“[…] Das Märchen vom Remix

Ich sage es einfach mal ganz simpel: Es gibt keine Remix-Kultur. Alle Remixes, die es da draussen gibt, sind kleine Ausnahmen, die sehr gerne bei Vorträgen einmal erwähnt werden, aber in der Praxis keinerlei Bedeutung haben. Wir haben bei 400.000 Klicks und ca. 150 Videos einen Remix, von dem wir wissen. […]”

tl;dr

Mag sein, dass sich die “echten” digitalen Remixe derzeit noch in Grenzen halten. Aber ebenso, wie Schreibmaschine Schreiben eine ganze Weile denen vorbehalten war, die eine Ausbildung darin hatten, wird mit kostengünstigeren und – viel wichtiger – leichter bedienbaren Tools eine Menge Potential frei. Erste Ansätze finden sich schon jetzt.

Erstellt mit Spruce

Kopieren, Covern, Remixen

Das Kopieren, Nachahmen, Abwandeln oder ganz und gar neu Zusammenstellen von Werken ist keine neue Kulturtechnik, sondern genau genommen schon ewig ein Weg um zu lernen, sich weiter zu entwickeln und sogar den ursprünglichen Schöpfer zu verehren. Nicht nur in der Malerei, auch in der Musik tragen Coverversionen und Tribute-Alben dazu bei, ohnehin schon gute Klassiker ein technisches und stilistisches “Update” zu verpassen. Und während auch in diesem Jahr die neueste und natürlich bezauberndste Cinderella-Neuverfilmung aller Zeiten erscheint, hat der schweizer Künstler Ursus Wehrli seinen eigenen Weg gefunden, ausgehend von alten Werken neue zu schaffen (sehr sympatisch vorgestellt beispielsweise im TED-Talk, wer nur kurz reinschauen will: bei Minute 3:56 ist ein Beispiel, das alles erläutern dürfte).

Aber schon beim letzten Beispiel bin ich an das Dilemma der heutigen Zeit gestoßen: ich fand bei Flickr und über die Google-Bildersuche keine frei lizensierten Bilder. Im TED-Talk sowie in Blogposts wird davon berichtet, Wehrli habe seine Art, Bilder neu zu ordnen, patentieren lassen (Funfact: auf den Seiten des Berner Amts für geistiges Eigentum findet sich dazu nichts. Liegt es an der Information selbst oder am Digitalisierungsgrad des Amtes?). Um es direkt zu sagen: jemand, der selbst auf dem Bekanntheitsgrad der Werke setzt, die er da neu umsortiert, hat davon selbst keine Bilder zur Weiterverwendung im Netz und erlaubt auch niemand anderem, es ihm gleich zu tun. Das soll kein Vorwurf sein – Wehrli handelt hier schlichtweg im Rahmen der aktuellen Gesetzgebung und daraus resultierenden Geschäftsmodellen. Ein fader Beigeschmack bleibt dennoch. Es gibt Bewegungen, die Remixen als generelles Recht für Kunstschaffende einfordern, denn nur so kann sich die Remix-Kultur auch im Digitalen fortsetzen.

Neben den rechtlichen Voraussetzungen und die Aufklärung darüber, was erlaubt ist und was nicht, sind es aber auch technische Barrieren, die das Remixen erschweren. Videos, wie die OER-YouTube-Clips der Fachhochschule Lübeck, müssten für einen Remix geschnitten, mit anderen Videos oder Medien zusammengeführt werden…

Re-Authoring-Tools

Um das Remixen zu erleichtern bzw. für einige Nutzer überhaupt erst zu ermöglichen braucht es Tools, die einfach zu bedienen sind – Stichwort Usability. Und hier ist noch eine Menge Luft nach oben. Medien hochladen ist kein Problem mehr (auch das war Menschen lange Zeit verwehrt, die nicht wussten, was ein FTP-Server ist), auch das Teilen von Web-Fundstücken ist kinderleicht. Aber remixen? Hier gibt es nur einige, oft wenig bekannte Webtools. Eine kleine Auswahl an Leuchttürmen gibt es aber doch. Dabei erhebe ich bei dem nachfolgend genannten Beispielen keinen Anspruch auf Vollständigkeit – im Gegenteil hoffe ich, dass sich die Tools vermehren und das Remixen in die breite Nutzermasse tragen.

Meme-Generatoren

Bild aussuchen, Spruch eintippseln, Meme generieren und teilen. Es ist einfach, es geht schnell. Bitte mehr davon!

Sollte Digitalisierung ein Fehler in der Remix-Kultur sein?

Man muss hierbei natürlich einschränken: in Deutschland wäre das sicher nah oder mittendrin in der Urheberrechtsverletzung, wenn Bilder aus Filmen einfach genutzt werden würden. Aber wenn alles nach deutschem Recht gehen würde… Umso mehr ist das nächste Tool ein ECHTES Juwel.

Spruce

Der Webdienst Spruce sucht in CC-BY-lizensierten Bildern auf Flickr, versieht sie mit Autorenangaben und verbindet sie mit einem Text, der vom Nutzer eingegeben werden kann. Schnell erstellt und dann über Twitter oder Facebook geteilt. Das Tool hat es in meine Lesezeichenleiste geschafft.

Remixe sind keine Bettgeschichten

Pop Up Cranach

So, genau so stelle ich mir ein Tool zum Remixen von Kunst im digitalen Zeitalter vor. Mit Pop Up Cranach können Elemente aus Cranachgemälden miteinander kombiniert werden. Cranach alt wie jung sind lange genug tot, sodass beim Veröffentlichen der Ergebnisse kein Anwalt vor der Tür stehen sollte. Überraschen: die App wurde im Rahmen des Reformationsjubiläums 2017 aus öffentlichen Mitteln finanziert. Es scheint also doch noch Hoffnung für gut investierte öffentliche Kulturförderung zu geben.

Cranach hätte es so gewollt ;)

Ein echter Lorenz, Cranach hätte es so gewollt 😉

Cod1ng Da V1nc1

Als letztes habe ich kein Tool, sondern ein Projekt ausgewählt, das genau solche Tools schaffen soll. Bei diesem Hackathon geht es darum, rund um öffentlich zugängige Daten, Informationen und Medien Ideen zu entwickeln, wie diese weiter und in dieser Kombination in neuen Kontexten verwendet werden können. Die Ergebnisse zeigen: Wir sind noch lange nicht da, wo Remixe ihr volles Potential erfolgen.

Fazit: Remixe Dir Dein eigenes Werk!

Ich finde solche Tools toll. Ich liebe es, mit ihnen zu experimentieren, Blogposts und Tweets damit anzureichern. Je einfacher die Handhabung, umso besser können die Tools von möglichst vielen Internetnutzern eingesetzt werden. Und mit den Tools kommen auch die Ideen.

Eine Grundlage für das rechtssichere Remixen von Medien ist die Erlaubnis dazu. Ein sehr einfacher Weg ist der über Werke, die unter freien Lizenzen stehen. Deshalb ist auch der Weg der Fachhochschule Lübeck richtig und nur konsequent, schließlich haben wir einen staatlichen Bildungsauftrag.

Oder kitschig formuliert: es braucht Jedis, um Märchen wahr werden zu lassen.

Credits

Überschrift in Anlehnung an den Beitragstitel von Martin Lindner (2006): Use These Tools, Your Mind Will Follow. Learning in Immersive Micromedia & Microknowledge Environments. Research Paper for ALT-C 2006: The Next Generation, Edinburgh, Scotland – also auch ein Remix 😀

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Go home, Copyright, you are drunk!

Die Idee zu diesem Blogbeitrag ist schon ein paar Wochen alt, aber das Problem ist noch immer das gleiche: Das Internet und das aktuelle Urheberrecht haben irgendwie ein Problem miteinander.

tl; dr

Jan Böhmermann hat ein Bild getwittert und wurde dafür abgemahnt. Soweit, so gewöhnlich im Alltag der Urheberrechtsverletzungen. Aber was sagt das über die Medienkompetenzen der Gesellschaft aus, wenn eine eigentlich (so dachte ich) internetaffine Person wie Jahn Böhmermann nicht wusste, dass man nicht einfach ein Foto aus der Bildersuche verwenden darf, weil man dann Fotografen, Malern, Comiczeichnern etc. die Grundlage für ihren Broterwerb nimmt? Oder gibt es kein Unrecht ohne fehlendes Unrechtsbewusstsein?

Der Fall Böhmermann

Ich will es nur kurz beschreiben, gute und ausfühliche Erklärungen dazu findet man u.a. auf netzpolitik, fotomagazin, der taz oder der Süddeutschen:

Der Moderator und auf Twitter viel beachtete Grimmepreisträger Jan Böhmermann wurde von den Anwälten des Fotografen Martin Langer zu einer Zahlung von reichlich 900€ abgemahnt, weil er ein Foto getwittert hatte und damit das Urheberrecht des Fotografen verletzte. Das passiert häufig in verschiedenen Kontexten und Größenordnungen. Und schnell ertappt man sich dabei, auf die bösen Abmahnanwälte und geldgierigen Fotografen zu schimpfen, die mit ihren Schnappschüssen vielleicht einfach nur Glück hatten.

Na und? Wo ist denn das Problem?

Die Darstellung des abgemahnten Fotografen Langer lässt mich hier aber schnell umdenken (wer den Beitrag noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt tun!): Das Internet bietet schließlich auch Kreativen, Kunstschaffenden und Autoren (= alle drei Urheber) die Chance, unabhängig von der Verlagsindustrie ihre Miete zu verdienen (mal mehr, mal weniger). Webcomiczeichner, wie Joscha Sauer, Flix oder Ralf Ruthe zeigen das sehr eindrücklich und nachvollziehbar.

Neben dem Shitstorm war es aber vor allem folgender Aspekt der Story, der mich zu diesem Beitrag motivierte: Während wir Studenten und Kollegen in Seminaren und Weiterbildungen stetig eintrichtern, dass man nicht jedes Bild verwenden darf, das man im Internet findet, warum weiß das ein medienkundiger Mensch wie Jan Böhmermann nicht? Ich bin mir sicher, dass er es nicht mutwillig getan hat, wie man eben mal zu schnell fährt und hofft, nicht geblitzt zu werden.

Das Problem liegt doch vielmehr darin, dass das aktuelle Urheberrecht überhaupt nicht das natürlichen oder anerzogenen Unrechtsbewusstsein anspricht. Dazu ein Vergleich…

Ein Vergleich: Der Apfel

Wenn ein Apfel an einem Baum mitten im Nirgendwo (= öffentlichem Grund) hängt, dann kann man den essen. Ebenso, wie man Heidelbeeren und Pilze sammeln geht, ohne dafür einen Cent auf den Teller vor dem Wald zu hinterlassen. Befinden sich Apfel, Heidelbeeren oder die Pilze in einem Supermarkt, dann weiß man von Mutti oder Vati, dass man erst dafür bezahlen muss. Auch bei Gärten oder Plantagen ist uns klar, dass die Äpfel nicht uns gehören. Und auch, wenn wir uns vielleicht doch einmal dazu hinreißen lassen, über den Zaun zu greifen, wissen wir doch, dass das geklaut und eigentlich nicht erlaubt ist.

Im Internet ist das ein wenig undurchsichtig: da stehen auch Äpfel (= Fotos etc.) irgendwo rum. Da ist kein Zaun, kein Hinweisschild, dass es irgend jemandem gehört. Klar, es ist nicht von allein dorthin gekommen, aber hey, es gibt so viele Sachen in diesem Internet, die man einfach für lau haben kann. Kein Zaun, kein Schild, keine Supermarktkasse: 3, 2, 1… meins!

Denkste! Gehört doch wem! Du hast geklaut! Zahl dafür! Oder noch viermal singen. Das klingt nicht fair. Aber was wäre richtig?

Fazit: Es gibt zwei Alternativen, die Lösung liegt sicher irgendwo in der Mitte

Mich juckt es ja fast schon, ein Experiment in der Fußgängerzone zu machen: ein Tisch, Äpfel drauf ohne weiteren Hinweis und schauen, was passiert. Werden Personen die Äpfel mitnehmen? Ich denke schon. Aus meiner Sicht gibt es zwei Möglichkeiten, dieses Problem anzugehen:

  1. Wenn es sich nicht wie Unrecht anfühlt, dann ist es vielleicht keins. Jeder, der Inhalte unfrei ins Netz stellt, muss einen Zaun bauen, ein Schild aufstellen…, d.h. wenigstens seinen Namen dran schreiben.
  2. Wie im Supermarkt müssen wir auch im Internet lernen, dass hier vielleicht vieles, aber nicht alles kostenlos ist und dass man fragen muss, ehe man sich etwas einfach “wegnimmt” (wobei hier der Vergleich hinkt: Den Apfel, den ich mir aus dem Internet nehme, gibt es dann in diesem Regal immer noch, auch wenn ich ihn jetzt habe).

Richtigerweise setzen wir bei letzterem an, aber noch nicht konsequent genug, wie sich im “Fall Böhmermann” (tamm, tamm, tamm) zeigt. Müssen wir auch erstere Alternative angehen? Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, aber  wenigstens in den Metadaten wäre die Angaben zur Autorenschaft nur wenig störend und vielleicht ein guter Anfang. Oder?

[L3T 2.0] Das Internet ist Neuland… zumindest für die VG Wort

Kurz ein wenig Kontext: Im Lehrbuchprojekt L3T 2.0, zu dem es hier schon einige Beiträge gab (unter dem Tag L3T), kümmern wir uns im Camp Chemnitz u. a. auch darum, dass die Kapitel des Open-Access-Lehrbuchs in relevanten Fachdatenbanken erscheinen (hier kann man mehr dazu lesen). Dabei ist die Fachdatenbank pedocs unsere erste Anlaufstelle: Neben der guten Sichtbarkeit und dem sehr netten und kompetenten Kontakt übernimmt pedocs noch die Eintragung in weitere Datenbanken UND hinterlegt Zählpixel der VG Wort.

Moment mal… VG Wort? Da hatten wir ja noch gar nicht dran gedacht. Sollten wir das auch auf unserer Webseite versuchen? Die Zugriffszahlen sollten reichen, also warum nicht? …aber das Ganze ist nicht so einfach… und so begann unsere Reise durch die Regularien der VG Wort, von denen ich hier ein wenig berichten möchte.

Hierzu gleich: Wir haben viel gelesen (sowohl auf offiziellen Webseiten als auch auf Blogs), mit den Mitarbeitern der VG Wort gesprochen und auch mit einigen Repository-Betreibern Erfahrungen ausgetauscht (hierzu zählen pedocs und das DIPF). Dennoch erheben wir keinen Anspruch auf Richtigkeit der Angaben und bitten ausdrücklich um Richtigstellung und weitere Hinweise!

tl;dr

Die VG Wort ist für das gedruckte Werk gemacht. Texte im Internet, egal ob Blogpost oder wissenschaftliche Publikation, werden zunächst nicht sehr viel anders behandelt. Für die Veröffentlichung an mehreren Orten (bspw. eigene Webseite und Fachdatenbank) und in unterschiedlichen Formaten scheint es keine Lösung zu geben, die den Urheber in angemessener Weise würdigt.

Die VG Wort

Die VG Wort schüttet Tantiemen für Textwerke an ihre Mitglieder aus und ist damit so etwas wie die GEMA für Texte – und etwa genauso “beliebt”. Ich will hier aber gar nicht auf andere Beispiele eingehen, da kann man sich im Internet belesen (ein Beispiel hier). Der folgende Abschnitt soll wirklich knapp erläutern, was die VG Wort macht und wie das vor allem für elektronische Texte aussieht.

Woher nimmt die VG Wort das Geld für die Ausschüttungen?

Immer dann, wenn Texte kopiert, verliehen, vermietet oder gezeigt werden ist die VG Wort da, um ein wenig Geld dafür einzusammeln, dass die Urheber diese Texte etwas davon abbekommen. Eigentlich keine schlechte Idee.

Wer bekommt davon etwas?

Potentiell jeder, der Texte verfasst, mit denen das oben Beschriebene (kopieren, verleihen, vermieten, zeigen etc.) geschehen kann. Dazu muss man sich anmelden und einen Vertrag abschließen. In Wissenschaft und Forschung ist das in der Regel ein Wahrnehmungsvertrag. Einmal angemeldet kann man seine Texte melden (und das jährlich bis zu einem bestimmten Stichtag) und die VG Wort prüft dann, ob das Werk die Mindestanforderungen dafür erfüllt, dass es bei der Ausschüttung berücksichtigt wird. Zu diesen Anforderungen gehört beispielsweise, dass ein Buch ausreichend oft in einer Bibliothek steht oder bei Texten im Internet, dass sie oft genug gelesen werden.

Für Texte im Internet gibt es also auch Tantiemen?

Ja, so sieht das die VG Wort vor und hat sich mit METIS (Meldesystem für Texte auf Internetseiten) auch ein Verfahren zum Umgang mit solchen Texten ausgedacht. Dabei muss man ein Zählpixel beantragen und packt das bisschen Code dann auf die Seite, wo der Text (mindestens 1800 “Anschläge”, also rund 13 Tweets 😉 ) steht. Erreichen die Zugriffe auf die Seite eine magische Grenze (2011 waren es 1500, PDF), dann gibt es Tantiemen, 2011 waren das 10€ ab 2500 Zugriffen, ab 6000 Zugriffen gab es 15€, ab 24.000 Zugriffen 20€.

Dann melden wir doch die L3T-Kapitel bei der VG Wort an! Aber wie?

Gerade weil L3T ein OER-Projekt ist, erscheint es sinnvoll, über die VG Wort-Tantiemen den Autoren ein wenig zurückgeben zu können. Das Geld, was man selbst mit jedem Kopierer und USB-Stick bezahlt, geht sonst nur an Sarazin und Co., da ist es doch besser, es unterstützt auch die (oft ehrenamtlich arbeitenden) Autoren in einem solchen Projekt. Sicher kann man das differenziert betrachten (bspw. hatten sich bei einer Umfrage der Wikimedia die Autoren dagegen ausgesprochen), das soll dann aber jedem Autoren freigestellt sein, ob er die L3T-Texte bei der VG Wort meldet. Die Voraussetzung dafür wollen wir aber gern schaffen. Aber das ist nicht so leicht, denn die L3T-Texte sind nicht nur jeweils ein Text im Internet…

Was unterscheidet die L3T-Artikel von dem Standard-Verständis der VG Wort von “Texten im Internet”?

Texte im Internet sind für die VG Wort nicht so sehr viel anders als die, die auf totem Holz im Bücherregal stehen: sie haben eine Mindestlänge (im Netz mind. 1800 Zeichen) und müssen wenigstens ein paar Mal aufgerufen worden sein (in Netz eben 1500 mal). Das mag für viele Texte im Netz kein Problem sein: Bei einem Blog hat man eben eine Post-Seite, auf der man das Zählpixel unterbringen kann (btw.: auf meinem Blog habe ich kein solches Pixel, vielleicht denke ich mal drüber nach, ich glaube aber kaum, dass ich die Mindestzahl erreiche). Aber bei den L3T-Kapiteln ist das an einigen Stellen anders:

1. Die Texte werden durch Dritte (L3T, Repository-Betreiber, etc.), d. h. nicht von den Autoren selbst online gestellt

Am Mittwoch, dem 28.08.2013 sollen die Kapitel online gehen. Am praktikabelsten wäre also eine Meldung zentral durch das L3T-Team. Aber es geht ja darum, dass am Ende die Autoren die Tantiemen bekommen.

Bekommt man die Einnahmen dann zentral und muss man dann weiterverteilen? Wie verläuft die Meldung?

2. Die Texte sind an verschiedenen Orten abrufbar

Wir waren ja darauf gekommen, auch Zählpixel für die L3T-Seite einzusetzen, als wir bei pedocs erfahren hatten, dass die Vergabe von Zählpixeln dort automatisch mit erfolgt.

Aber packt man dann einfach das gleiche Zählpixel auf zwei Seiten? Oder bestellt man zwei Zählpixel und rechnet die hinterher zusammen? Und was passiert, wenn die Kapitel auf weiteren Seiten oder in weiteren Datenbanken erscheinen (was durch die Veröffentlichung unter CC-BY-SA-Lizenz durchaus erlaubt wird)?

3. Die Kapitel werden in verschiedenen Formaten angeboten

Durch das Setzen in einem eigens von der TU Graz entwickelten Editor sollen die Kapitel nicht nur als PDF, sondern auch als HTML und ePub-Format erscheinen.

Aber auch hier stellen sich die Fragen: gleiches Zählpixel? Unterschiedliches Zählpixel…? Und wie können wir die Zählpixel in den verschiedenen Formaten integrieren?

Die Antworten (aktueller Recherche-Stand)

Gut, also was haben wir bisher herausgefunden? (Ich wiederhole: das sind aktuelle Recherche-Ergebnisse und wir sind uns absolut nicht sicher, ob das so stimmt und ob wir nicht auf anderen Wegen mehr erreichen können. Der Blog-Post ist durchaus auch dazu gedacht, Ideen und Erfahrungen einzusammeln, wie wir eine bessere Lösung erreichen können.)

zu 1.) Wer meldet die Texte der VG Wort?

Wir sind hier diverse Lösungen durchgegangen:

  • Die Meldung über die Autoren, d. h. konkret: die Autoren besorgen ein Zählpixel, senden uns den Code und wir bauen ihn ein, würde wohl zu lange dauern, zumal wir davon ausgehen, dass noch nicht alle Autoren bei VG Wort gemeldet sind und dieser Vorgang ein wenig dauert.
  • L3T bzw. der BIMS-Verein kann sich (nach Recherchen von Sandra) wohl nicht als Verlag anmelden. Zudem haben die letzten Diskussionen zum Leistungsschutzrecht mehrfach ergeben, dass es wohl keine klare Definition gibt, was ein Verlag ist.
  • Da unser Universitätsverlag prinzipiell auch Anmeldungen bei der VG Wort vornehmen kann, die Texte dann vermutlich auf den Servern der TU Graz liegen werden, hatten wir auch kurz ins Auge gefasst, das über die dortige Bibliothek zu regeln. Als uns eingefallen war, dass Graz in Österreich liegt, haben wir diesen Gedanken wieder verworfen…

Aber so schlimm war das Suchen nach einer Lösung hier nicht: es gibt anonyme Zählpixel. Laut Informationsblatt (PDF) dürfen diese Zählmarken u. a. von “Seitenbetreibern, die für Urheber auf der eigenen Seite schnell Zählmarken einbauen wollen, ohne sich bereits beim Einbau Gedanken über die Zuordnung der Zählmarken machen zu müssen” verwendet werden. Die bauen wir ein und geben dann die Codes an die Autoren weiter, die diese dann personalisieren, d. h. ihrem Nutzeraccount zuordnen können.

zu 2) Was passiert bei verschiedenen Abruforten?

Tja, hier ist unsere aktuelle Lösung weniger zufriedenstellend. Laut telefonischer Auskunft der VG Wort können unterschiedliche Zählpixel, die eigentlich zu einem Text gehören, nicht zusammengezählt werden. Der gleiche Code für ein Zählpixel kann aber an verschiedenen Stellen hinterlegt werden.

ABER von einem Mitarbeiter eines anderen Repository-Betreibers haben wir erfahren (weil uns eine solche Lösung nicht in den Sinn gekommen war und die VG-Wort-Ansprechpartnerin uns das auch nicht direkt gesagt hatte), dass dann nur die mittlere Zugriffszahl gilt, d. h. die Anzahl der Zugriffe durch die Anzahl der Zugriffsorte geteilt wird.

Ein Rechenbeispiel: Ein Kapitel wird auf der L3T-Webseite 1600mal heruntergeladen und hätte damit die erforderliche Mindestzahl zur Ausschüttung überschritten. In einem anderen Repository hat es 400 Zugriffe. Das macht 2000 Zugriffe insgesamt. Die VG Wort wertet aber nur das Mittel, d. h. 2000 Zugriffe durch zwei Zugriffsorte = 1000 Zugriffe und damit keine Ausschüttung.

Das ist sicher nicht im Sinne der Urheber. Also bleibt es zunächst die Lösungen mit den separaten Zählpixeln die bessere, wenn auch weit weg von einer Optimalvorstellung.

zu 2) Was passiert bei verschiedenen Abrufformaten?

Hier scheint gleiches wie bei der Frage 2 zu gelten: es sind ja zwei Abruforte und damit zwei Zählstellen. Dann lieber separate Pixel. Fun-Fact: Die Zählpixel gibt es nur für HTML und PDF. Das ePub-Format gibt es für die VG-Wort nicht 😦

Fazit

Auch nach den vielen Recherchen sind wir uns nicht sicher, ob die gefundenen Antworten hier richtig sind. Leider bietet die Webseite der VG Wort nur wenig Antworten (zum Beispiel taucht der Begriff ePub nur in einer Handreichung zu Schulbüchern auf, eine Erklärung darüber, ob und warum das Format gemeldet werden kann, gibt es nicht).

Zudem ärgert mich die gewollte Intransparenz der VG Wort (die man auch schon von Druckwerke kennt): So heißt es beispielsweise zur Handreichung der anonymen Zählpixel (PDF Seite 9):

Können die Zugriffszahlen eingesehen werden?
Nein. Die Zugriffszahlen dienen allein der Feststellung des Mindestzugriffs bzw. der festgelegten Schwellenwerte und können von keinem Melder eingesehen werden.”

Warum die Einsicht in die Zugriffszahlen nicht möglich ist, wird nicht begründet.

Wir versuchen bei L3T nun also erst einmal, nach den oben genannten Lösungen vorzugehen, können aber nicht versprechen, dass das alles klappt und die Schwellenwerte für möglichen Ausschüttungen überhaupt erreicht werden. Wir bitten daher um Geduld und Verständnis, sollte uns hier irgend etwas behindern – und um Mithilfe, falls hier jemand andere Kenntnisse und Erfahrungen hat.

[Update] Nach einem Telefonat mit der VG Wort würde die Anmeldung eines Textes auf mehreren Webseiten nicht zu einer Dividierung der Zugriffszahlen führen… wir fragen jetzt noch einmal per Mail an.

Du darfst… was eigentlich?

In dieser dritten Woche des #mmc13 stand das erste MOOC-O im Vordergrund, das da ja für “Open” steht. Ganz natürlich reihten sich zu den OER als offen zugängige Lernmaterialien auch die Creative-Commons-Lizenzen, die für eben solche freien Lernmaterialien solide und (weitestgehend) rechtssichere Lizenztexte bereitstellen.

Fallstricke bei der Mediennutzung im Internet

Dennoch sind die Fallstricke hoch gespannt und selbst diejenigen, die sich vermeintlich intensiv mit CC-Lizenzen beschäftigen und dafür werben, fallen drüber. (An dieser Stelle würde ich gern die Beispiele zur Demonstration verlinken, aber ich möchte es diesen Aasgeiern von Anwälten, die es eben auf solche Versehen abgesehen haben, nicht zu leicht machen. Daher nur anonymisiert):

  1. Das OER-Logo der UNESCO selbst steht unter CC-BY-Lizenz. Das heißt also vor allem, dass der Name des Designers genannt werden muss. Übersieht man leicht, kann aber im Zweifel zu Kosten für die Nachlizensierung führen.
  2. Wenn Links geteilt werden, binden Facebook, Google+ und Co. mittlerweile gern Vorschaubildchen ein. Diese können aber schon Urheberrechtsverletzungen darstellen, ohne dass der Nutzer die Bilder aktive eingebunden hat und tw. auch nichts dagegen tun kann. Kann ich demnach noch Links öffentlich meinetwegen auf Google+ posten? Muss ich erst prüfen, wem das Vorschaubild gehört? Ich weiß es nicht.
  3. In einem Video werden vermeintliche “Musikzitate” eingespielt. Ob der Umfang noch ein “Kleinzitat” ist und das eigene Werk ausreichend unterstützt kann ich auch nach Recherchen dazu nicht beantworten. Ich würde es eventuell mit den Filmeinspielungen von Stefan Raab in TV Total gleichsetzen, was vom BGH nicht als Kleinzitat anerkannt wurde. Aber ist Musik hier gleichwertig zum Film zu sehen? Ich weiß es nicht.
  4. Auf Foliensätzen zu Vorträgen sind Flickr-Bilder ja schon sehr verbreitet. Dass nicht jedes Bild von Flickr unter einer CC-Lizenz steht, scheint dabei einigen zu entgehen. Ob sie das Bild trotzdem im Rahmen eines wissenschaftlichen Vortrags verwenden dürfen, weil die “Freiheit von Forschung und Lehre” darübersteht? Und ist die Bereitstellung der Präsentation über Slideshare noch “Forschung und Lehre”? Ich weiß es nicht.

Ist das im Rahmen? Ich weiß es nicht.

Wenn ich etwas aus einem Laden mitnehme ohne es zu bezahlen ist das Unrecht. Wenn ich ein Musikstück von einem Künstler aufführe und dann behaupte, dass es meins wäre, ist das Unrecht. Wenn ich einen Absatz aus einem Buch in einen Blog-Artikel einfüge und sage, es wäre meiner, ist das Unrecht. Wenn ich einen Film auf einem Server bereitstelle, mit dem die Produzenten noch Geld verdienen wollen und ihn deshalb nicht unter eine freie Lizenz gestellt haben, ist das Unrecht. Und das weiß ich auch.

Wenn ich die Fälle oben betrachte und überlege, ob das Beispiele für Unrecht sind kann ich nur wiederholen: Ich weiß es nicht. Ich habe in meinem Studium eine Lehrveranstaltung zu Medien- und IT-Recht und kann die CC-Lizenzarten fast singen. Und dennoch kann ich die Fragen nicht beantworten. Ich habe auch noch niemanden getroffen, der hier einen selbstsicheren Eindruck auch nur heucheln konnte. Wie sollen denn Laien da durchblicken?

Du darfst… was?

Beim Educamp in Ilmenau 2012 hatte @ralfh in einer Session angestoßen, nicht immer nur die Verbote, sondern vor allem das Erlaubte zusammengetragen. Ich habe leider nicht mitbekommen, ob und wie diese Idee das EduCamp überlebt hat (ich werde ihn aber auf den Blogeintrag hinweisen und auf eine Antwort hoffen). Ich habe im Zuge dieser MMC13-Woche eine Wikiversity-Seite zur Frage Where2OER angestoßen (kann allerdings nicht sehr viel Zeit investieren), auf der ich Plattformen zum Teilen von OER zusammengetragen wollte, da ich eine solche Übersicht noch nicht finden konnte. Vielleicht ist es ein Anfang.

Dennoch und gerade deshalb kann ich es niemandem verübeln, wenn er Contents nicht als OER und/oder unter CC-Lizenz stellen möchte. Ich teile die Ansicht, dass mit öffentlichen Geldern finanzierte Lehrmittel ganz selbstverständlich als OER bereitgestellt werden sollten, allerdings fehlt hier jegliche staatliche Unterstützung: Der politisch gewünschte Wettbewerb zwischen den Bildungsinstitutionen lässt viele Lehrende im Unsicheren, ob sie mit der Freigabe ihrer Inhalte der eigenen Position nicht schaden. Viel problematischer sehe ich aber die fehlende Unterstützung bei nutzungsrechtlichen Fragen und Problemfällen: Lehrende sind diesbezüglich nicht geschützt, Universitäten und Schulen werden ebenso abgemahnt wie der Musikpirat von nebenan. Uns erreichte einst ein Rundschreiben der Unileitung, indem darauf hingewiesen wurde, dass wir auf den Webseiten der Hochschule die Urheber- und Nutzungsrechte beachten sollen – allerdings ohne weitere Erklärung. So wäre es hilfreich gewesen, den Fall, der offenbar zu dieser E-Mail geführt hat, zu schildern, um andere Mitarbeiter vor diesen Pannen zu bewahlen. Eine Deckelung der Gebühren für die erste Abmahnung könnte hier helfen, dennoch fehlt der Anreiz, sich dieser Gefahr auszusetzen.

Ein OER-Flashmob, alle finden ihn toll, aber keiner macht mit?

In dieser MMC13-Woche wurde zum OER-Flashmob aufgerufen. Das ist fraglos eine gute Sache. Dennoch sehe ich einen Tag vor dem Ende der Themenwoche, dass der “Platz für eure Beiträge direkt auf diesem Wiki” noch sehr leer ist. Warum? Ich bin mir sicher, einer der Gründe sind die rechtlichen Unsicherheiten, die zu beseitigen aber leider nicht in unserer Hand liegen. Man kann nur hoffen, dass die ständige Thematisierung die Akteure in der Politik anspornt, hier eine OER-freundliche (rechtliche) Infrastruktur zu schaffen.