Weißt Du noch oder kannst Du nur?

“Es war ein langer Fußweg zurück nach Bad Lamonisch an der Bibber, aber es war ein fröhlicher Fußweg. Freitag holte seine Lieblingsflöte heraus und spielte einen Marsch namens ‘Der Ameisenhäuptling’, während Björn Schneyder alle damit überraschte, dass er sie auf interessante Einzelheiten der Landschaft hinwies und sie im Fürbassschreiten in naturkundlichen Dingen unterrichtete. ‘Seht ihr das?’, sagte er und zeigte auf einen Felsen. ‘Das ist ein Felsen. Und diese farbenfrohen Dinger dort drüben? Man nennt sie Blumen.'”

Andy Stanton & David Tazzyman (2010): Mr Gum und der Mürbekeksmilliardär, Seite 163f. Wunderbar übersetzt von Harry Rowohlt.

Bei diesen Sätzen musste ich an die Tweets mit Christian Spannagel und meinen Gedanken zum anstehenden #opco11-Thema “Lernen kann doch jeder, oder? Über Kompetenzen und Bildung” denken: Immer wieder hört man von der Wichtigkeit von Soft Skills, und dass mehr Wert auf die Vermittlung von Kompetenzen statt Faktenwissen gelegt werden sollte. In einer Gesellschaft, in der man den Eindruck hat, es hätten mehr Menschen einen Google-Account als einen Bibliotheksausweis, ist der Zugang zu Fakten scheinbar nur eine Frage des richtigen Suchbegriffs. Die wahre Herausforderung liegt heute in allem, was Technologien (noch) nicht können: Fakten zu neuen Erkenntnissen zusammenführen, bewerten und für Andere verständlich aufbereiteten.

Bei der Learntec2010 habe ich einen sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich der Präsentationsform sehr guten Vortrag von Conrad Wolfram dazu gehört, Kinder sollten Mathematik lernen und nicht Rechnen (Online auf TED). Damals stimmte ich ihm voll und ganz zu und daran hat sich im Prinzip auch nicht viel geändert, bis auf…

In letzter Zeit (auch durch die Beschäftigung mit den Problemen, die durch das Social Web erst entstehen) frage ich mich aber zunehmend, ob uns das Zurückstellen dieser Kenntnisse nicht letztlich doch auf die Füße fällt und die Probleme genau darauf zurückzuführen sind, dass nötige Grundlagen vernachlässigt werden. “Die Jugend von heute kann ja überhaupt nicht mehr richtig Kopfrechnen.” – schon mal gehört oder selbst gedacht? Und wenn ja: Wie befriedigend ist das Argument, dass sie das nicht mehr bräuchten, sie hätten schließlich Computer und Taschenrechner?

Das schwierige daran scheint mir, dass diejenigen, die die Vermittlung von Kompetenzen vor Fakten betonen, diese selbst aber noch gelernt haben. Ich überlege, ob man die Hauptklassen kognitiver Lernziele nach Bloom, also Wissen, Bewertung, Verstehen, Anwendung, Analyse und Synthese (siehe auch hier), ähnlich der Bedurfnispyramide von Maslow sehen MUSS.

Dann nämlich wären die obere Stufen, wie Anwendung und Synthese, erst erreichbar, wenn die unteren Stufen, wie die Wissen und dessen Bewertung, bereits genommen wurden. Praktisch formuliert, kann man in einer Sprache diskutieren, wenn man keine Vokabeln kennt, aber die Grammatik?

Ich danke Christian dafür, dass er genau das zu einem der vielen Teilthemen seines #opco11-Festivals gemacht hat und werde von meiner kurzen Einlage als “Straßenmusikant” nun wieder an “die Bühnen” wechseln.

Ist Macrolearning eine Voraussetzung von Microlearning?

Bei meinem Vortrag zur Erstellung von Lernmaterialien unterschiedlichen Ausmaßes auf der Grundlage von gleichen Lerninhalten (Folien bei Slideshare) wurde ich gefragt, ob ich generell der Aussage zustimmen würde:

Macrolearning ist die Voraussetzung für den Erfolg von Microlearning-Einheiten.

Ich mochte der Aussage dort noch nicht ganz zustimmen, meinte aber, dass viele Argumente auf die Richtigkeit der Aussage hinweisen würden (wie Fragen im Anschluss an diese bestätigten). Vor allem ein Gedanke an das “Henne-Ei-Problem” (fängt man nicht immer in kleinen Schritten an?) hat mich von einem klaren Ja noch abgehalten.

Heute, nach ein wenig Zeit zum Überlegen und recherchieren, würde ich wieder mit einem Jein antworten. Ich denke, dass es vom Lernziel abhängig ist, ob und wie erfolgreich kleine oder große Lerneinheiten verstanden werden können. Nimmt man beispielsweise die kognitiven Lernziele nach Bloom (vgl. Engelhart et. al 1972 mit Erläuterungen von Kerres 2001) als Grundlagem werden dort folgende Hauptklassen beschrieben:

  • Wissen: „Bekannte Informationen können aus dem Gedächtnis erinnert werden.“
  • Verstehen: „Neue Informationen können verarbeitet und in einen größeren Kontext eingeordnet werden.“
  • Anwendung: „Regeln und Prinzipien können in definierten Situationen verwendet werden.“
  • Analyse: „Ein Sachverhalt kann in seine Bestandteile zergliedert werden.“
  • Synthese: „Teile oder Elemente können zu einem (neuen) Ganzen zusammengefügt werden.“
  • Bewertung: „Es können Urteile gefällt werden, ob bestimmte Kriterien erfüllt sind.“

Losgelöste Microlearning-Einheiten (wenn es denn soetwas gibt, denn ehe wir davon konkret sprechen haben wir alle ja (hoffentlich) schon einen bestimmten Wissensstand erreicht) können nur im Lernzielbereich Wissen erfolgreich sein. Zum Beispiel folgendes:

Eulen sind die einzigen Vögel, die blau sehen können.

Das Merken (=Wissen) ist relativ einfach – einmal gehört habe ich mir vorgenommen, die Millionenfrage damit zu knacken.

Bereits beim Verstehen und der Anwendung (z.B. wenn man ein Hinweisschild für Eulen aufstellt, darf das auch blau sein) kommt es auf die Größe des Kontextes an, in den das Wissen eingeordnet werden soll und das Verständnis von Microlearning (sind 5 oder 15 Minuten noch “micro” genug?). Verstehen in diesem Kontext hieße: Ich weiß jetzt auch, dass andere Vögel die Farbe blau nicht sehen können.

Spätestens aber bei der Analyse des Sachverhaltes ist ein gewisses Hintergrundwissen, z.B. über Vögel und Farbensehen, nötig. Hier und bei den nachfolgenden Lernzielklassen Synthese und Beurteilung kommt man mit kurzen “Wissenshäppchen” nicht weiter (auch, wenn es BILD-Zeitung und Co. immer wieder versuchen).

Referenzen

  • Engelhart, M. D., Furst, E. J., Hill, W. H., & Krathwohl, D. R. (1972). Taxonomie von Lernzielen im kognitiven Bereich (16th ed.). Weinheim und Basel: Beltz Studienbuch.
  • Kerres, M. (2001). Multimediale und telemediale Lernumgebungen (2., vollst. überarb. Aufl.), LinkMünchen : Oldenbourg Verlag, Seite 156